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Press about Auriga

Aug 5, 2003

Europe Buys Information Technology Made in Russia

Neue Zuercher Zeitung,
Peter Fischer

Computerfreaks gibt es in Russland viele, und zahlreiche sind ausgewiesene Informatikspezialisten. Die IT-Krise und der Kostendruck, dem sich westliche Konzerne aus gesetzt sehen, eröffnen den Russen neue Chancen. In der einheimischen Softwarebranche, die für europäische Kunden Probleme löst, herrscht Aufbruchstimmung.

Das Internetportal eines Schweizer Mobilfunkanbieters wurde – zumindest teilweise – im russischen Sankt Petersburg entwickelt. Petersburger Programmierer arbeiten zurzeit an einer Informatiklösung, welche das Einkaufswesen und die Zulieferung von Vorprodukten für einen grossen deutschen Fahrzeughersteller weiter optimieren wird. Und an einem Programm, das die Effizienz im dänischen Gesundheitswesen steigern soll. Auch der Content Administrator der Schweizer Post, ein Dokumentenverwaltungs-Programm, stammt aus Russland. Er wurde vor gut zwei Jahren in Moskau entwickelt. Russlands naturwissen-schaftlich-technische Ausbildung hat nicht von ungefähr einen vorzüglichen Ruf. Nach den Berechnungen des Informatikprofessors und Spezialisten Alexei Sucharjew verlassen noch heute jährlich 100 000 Studenten mit guter Informatikausbildung russische Hochschulen und Institute. Nur die wenigsten unter ihnen finden eine Anstellung als für das Ausland tätige IT-Spezialisten. Doch zahlreiche kleinere und mittlere russische IT-Outsourcing-Firmen erleben derzeit eine Periode rasanter Expansion. Mit Wachstumsraten von 20% bis 40% setzen sie darauf, dass sich Informatikdienstleistungen «made in Russia »als High-tech-Exportschlager des Landes etablieren.

Schweizer Sommerjob als Glücksfall

Eine unter diesen ist die Firma Reksoft. Wer zu ihr will, muss in einem alten Petersburger Verwaltungsgebäude sowjetischen Stils durch triste lange Korridore schreiten, in denen es nach Bohnerwachs riecht. Im zweiten Stock jedoch öffnet eine Chipkarte die Tür zu einer anderen Welt. 145 Mitarbeiter, darunter 105 Softwarespezialisten, verkaufen, entwerfen, programmieren und dokumentieren hier in renovierten Büros Lösungen für komplexe Informatikprobleme von vorwiegend europäischen Kunden. Der CEO der Firma, Alexander Egorow, ist 33 Jahre alt und einer der drei Mitbegründer der Firma. Das Durchschnittsalter seiner Mitarbeiter beträgt knapp 30 Jahre. Egorow erwartet, dass die Zahl der Angestellten bis Ende Jahr auf rund 200 steigen wird.

Angefangen hatte bei Reksoft alles vor dreizehn Jahren in der Schweiz. Der zwanzigjährige Informatikstudent, der damals Computersysteme für russische MiG-Flieger entwickeln half, erhielt durch seinen Vater die Gelegenheit, im Rahmen einer Werbeaktion der russischen Aeroflot in Schweizer Einkaufszentren Flugblätter zu verteilen. Der mehr schlecht als recht bezahlte Studenten-Sommerjob erwies sich als lukrativer Glücksfall: Egorow kam mit einem Schweizer Informatiker ins Gespräch, der nicht glauben konnte, für wie geringe Löhne russische IT-Spezialisten arbeiteten. Es entwickelte sich eine spontane Partnerschaft, bei der Egorow mit fünf Kollegen in einer Petersburger Wohnung Programme schrieb, die der Schweizer mit Computerhardware und harter Fremdwährung für damalige russische Verhältnisse fürstlich bezahlte. Doch nach knapp zwei Jahren stieg der Auftraggeber in Handelsgeschäfte um und verlor das Interesse an den russischen Programmierern. Egorow beschloss, selber in die Schweiz auf Kundensuche zu fahren, und hatte Glück. Ein Telekom-Hersteller gab dem fliessend Deutsch sprechenden, sympathischen jungen Russen eine Chance. Drei Jahre spatter zogen Egorow und seine Kollegen mit 35 Angestellten in das Verwaltungsgebäude an der Newa. Heute führt die Firma gegen 1000 Kunden in ihrer Referenzliste und hat vor kurzem einen Schweizer als Chefverkäufer angestellt.

Unternehmen wie Reksoft gibt es in Sankt Petersburg einige. Nebst dem bereits verhältnismässig teuren Moskau und dem etwas gar weit im Osten gelegenen Nowosibirsk ist die Stadt dabei, sich zu einem kleinen «russischen Silicon Valley» zu entwickeln. Dabei profitieren die auf Software-Outsourcing spezialisierten Betriebe von der IT-Krise im Westen, wie kürzlich am von Branchenorganisationen in Petersburg veranstalteten 3. Software Outsourcing Summit deutlich wurde. Sinkende IT-Budgets und erhöhter Kostendruck zwingen die im Vergleich zu angelsächsischen und anscheinend auch schweizerischen Konzernen besonders stark auf Eigenentwicklung fixierten, konservativen deutschen und französischen Unternehmen verstärkt dazu, sich nach günstigeren Alternativen umzusehen. Mit je nach Qualifikation und Erfahrung zwischen 400 $ und 2000 $ schwankenden Monatsgehältern bieten sich da russische Spezialisten an. Doch russische IT-Unternehmer betonen, dass es weniger die Gehälter als die gesamten Projektkosten sind, die im Wettbewerb zählen. Russische Dienstleister könnten im Schnitt rund halb so teuer anbieten wie die westliche Konkurrenz.

Trend zur Spezialisierung

Allerdings sind russische Informatikunternehmen teurer als indische und vor allem auch noch wesentlich weniger bekannt. Gegenüber Indien ist Russland auf dem Software-Outsourcing-Markt denn auch ein Zwerg:Einem Umsatz aller indischen Firmen von schätzungsweise 7 Mrd. $ bis 8 Mrd. $ standen im vergangenen Jahr bloss rund 300 Mio. $ in Russland gegenüber. Nach Einschätzung russischer Anbieter sind indische Firmen nicht nur günstiger, sondern haben auch den Wettbewerbsvorteil, deutlich grösser und im Marketing erfahrener zu sein. Dennoch rechnen sich russische Anbieter gute Chancen aus. Zwar könnten sie bei reinen Programmieraufgaben schwer mit der asiatischen Konkurrenz mithalten, doch prädestinierten die relative kulturelle und geographische Nähe sowie die anders orientierte Ausbildung russische Programmierer für die Lösung komplexer Probleme. Russische Unternehmer streben danach, die Wertschöpfungsleiter hochzuklettern, sich zu spezialisieren und je nach Firma auf unterschiedlichen Kerngebieten umfassende Beratungsdienstleistungen inklusive Problemanalyse, Lösungsvorschläge und Projektleitung anzubieten. So entfalle auch der Nachteil, dass Kostenersparnisse des Outsourcings durch erhöhte Projektbegleitungs-und Dokumentationskosten beim Auftraggeber aufgewogen würden.

Als wesentlichste Entwicklungshemmnisse in der russischen Software-Outsourcing-Branche wirken denn auch noch westliche Ängste gegenüber der Leistungsfähigkeit und Zuverlässigkeit der meist noch relativ jungen und unbekannten russischen Anbieter. Nebst der Verbesserung der sprachlichen Kompetenz haben viele Betriebe die vergangenen Jahre damit verbracht, sich von Hinterhof-oder Universitätsprojekten in professionell geführte Unternehmen zu verwandeln. Unternehmenschefs, die vor Jahren meist durch mehr oder minder zufällige Kontakte mit dem Ausland zu Pionierunternehmern wurden, berichten übereinstimmend von der zentralen Herausforderung, ein westlich denkendes mittleres Management aufzubauen, das die Unternehmen erst richtig expansionsfähig macht. Obwohl hier in den vergangenen Jahren entscheidende Fortschritte erzielt wurden, wirkt der Pioniergeist noch nach:Die russische Software-Branche ist wenig konsolidiert. Unternehmenszusammenschlüsse scheitern häufig daran, dass die Gründer ihr «Werk» nicht in einer Fusion aufgehen sehen wollen. Da organisches Wachstum länger dauert, fehlt vielen noch die kritische Grösse, um mit einer ständigen Präsenz im Ausland auf sich aufmerksam zu machen.

Rückwanderung von Spezialisten

Dennoch herrscht in der russischen IT-Branche sichtliche Aufbruchstimmung. Die jungen Softwarespezialisten zeigen sich mit ihren Jobs nicht nur zufrieden, weil sie für russische Verhältnisse relativ anständig verdienen und in ausgesprochen «westlichen» Verhältnissen arbeiten können. Für viele scheint entscheidender zu sein, dass sie in dem sich dynamisch entwickelnden Umfeld relativ schnell grosse Entwicklungsmöglichkeiten erhalten. «Hier ist derzeit fast alles möglich», sagt Alex Posdnjakow, der bei der Petersburger Firma Star als Chefentwickler tätig ist. Posdnjakow ist für seinen Petersburger Job vor gut einem Jahr aus Deutschland zurückgekehrt, wohin er Ende der neunziger Jahre ausgewandert war. Und die in der gleichen Firma im Marketing tätige Softwarespezialistin Julia Simonowa kam aus den USA zurück nach Petersburg. In Amerika verdiente sie zwar nominal etwa fünfmal so viel (kaufkraftbereinigt war der Unterschied nicht ganz so gross), doch die 23-Jährige bereut den Schritt zurück überhaupt nicht. Begeistert erzählt sie:«Hier ist die Atmosphäre dynamisch. Hier herrscht eine ganz andere Stimmung als im Westen. Der Boom passiert gerade in diesem Moment, direkt vor meinen Augen.»


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