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Press about Auriga

Aug 4, 2003

Software Entrepreneur Instead of Professor

Neue Zuercher Zeitung,
Peter Fischer

Eigentlich entspricht der nachdenklich wirkende, hagere Mann mit hoher Stirn überhaupt nicht dem Stereotyp von Russlands erfolgreichem neuem Unternehmer. Mit seinen 57 Jahren ist Alexei Sucharew kein junger Draufgänger oder im Westen geschulter smarter Betriebswirt. Doch den Erfolg streitet ihm niemand ab. Er war einer der Ersten, die erkannten, dass die vielen hoch qualifizierten russischen Informatikspezialisten nicht zwingend auszuwandern brauchten. Stattdessen konnte man gewinnbringend deren Dienstleistungen im Ausland vermarkten. Doch bevor Sucharew zum Pionier des blühenden russischen Software-Outsourcing-Geschäfts wurde, wusste er mit Unternehmertum wenig anzufangen. Der als Sohn eines berühmten russischen Erdöl-Geologen im tschetschenischen Grosny Geborene galt in seiner Kindheit als Mathematik-Wunderknabe. Als er 17-jährig war, schickten ihn seine Eltern nach Moskau, wo er an der renommierten mathematischen Fakultät der Moskauer staatlichen Universität einen Studienplatz erhielt. Mit 31 Jahren wurde der Spezialist für mathematische Optimierung und Operations Research Professor. Gleichzeitig erhielt er 1977 die Gelegenheit, im Rahmen eines Austauschprogramms ein halbes Jahr in den USA zu verbringen. Dort begriff er schnell, dass nicht alles stimmte, was zu Hause über den Westen erzählt wurde. Doch Sucharew konzentrierte sich auf die Forschung und hoffte auf einen russischen Deng Xiaoping, der das System von innen her reformieren würde. Doch als er 1986 erneut ein halbes Jahr in den USA verbrachte, wurde ihm klar, dass es zu spätwar. Seiner Frau prophezeite er: «In zwanzig Jahren wird Leningrad wieder Petersburg heissen.» Sie hielt ihn für verrückt. Dass es nur fünf Jahre dauern sollte, hätte auch er damals nicht für möglich gehalten.

Aus seiner Schlussfolgerung, dass die akademische Forschung in Russland keine Zukunft hat, ollte Sucharew möglichst rasch Konsequenzen iehen. Das gute technische Wissen von russischen Wissenschaftern im Westen marktfähig zumachen, trieb ihn um. 1991 hängte er seine Professur an den Nagel, nutzte seine Kontakte zu den USA und begann mit Studenten und Mitarbeitern, gegen Geld komplexe Software für ausländische Kunden zu produzieren. Nebst Linux-Programmen entwickelte er Simulations-Marktgleichgewichts-Spiele für den Ökonomie-Unterricht. 1992 erkor Hewlett Packard sein Unternehmen zum exklusiven Partner in Moskau. Doch 1993 brachen die Amerikaner die Geschäftsbeziehungen unvermittelt ab. Sie begegneten damit politischem Druck, der vom Vorwurf geschürt wurde, die Ost-Informatiker nähmen zu vielen amerikanischen Spezialisten den Arbeitsplatz weg. Sucharew stand vor dem Aus. Kurz entschlossen zog er selber nach Amerika, um direkt vor Ort Arbeit für seine Moskauer Mitarbeiter zu finden.

Damit hatte Sucharew Erfolg. In Moskau arbeiten heute mehr als 100 Spezialisten für die Firma Auriga, welche ihren Hauptsitz inzwischen nach den USA verlegt hat. Unter der westlichen IT-Krise hat in den letzten Jahren auch sein Unternehmen gelitten, doch für Sucharew ist klar:Auf Grund des Kostenvorteils und der vielen spezialisierten russischen Informatiker gehört die Zukunft dem IT-Outsourcing «made in Russia». Russen könnten sich in aller Regel besser in die Kunden hineinversetzen und komplexere, individuellere Probleme lösen als die internationale Konkurrenz. Sein Unternehmen sieht er in nächster Zeit mit Wachstumsraten im unteren zweistelligen Bereich expandieren. Schneller ginge es, wenn er etwa mit anderen aus seiner Branche fusionieren würde. Doch das will Sucharew nicht, denn er scheut den Verlust der Kontrolle über «sein Kind». Den IT-Outsourcing-Markt im deutschsprachigen Europa, wo seine Firma auch schon für die Schweizer Post gearbeitet hat, möchte er noch aus eigener Kraft erschliessen.

Sucharew, der mit seinem Geschäft auf Handel statt Emigration setzt, ist mittlerweile längst selbst zum Emigranten geworden. Ihm gefallen die Luft und die Natur um sein im Wald von New Hampshire gelegenes Haus. Von dort kommuniziert er mit den russischen Entwicklern über Breitband-Internet. In Moskau unterhält er noch eine Wohnung. Die Informatikrevolution hat die einst so eisernen Grenzen fliessend werden lassen.


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