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Press about Auriga

Mar 11, 2002

Computer for the giant empire

Handelsblatt,
Von MATHIAS BRUGMANN, Moskau

Rechner für das Riesenreich

50 russische Software-Firmen präsentieren sich auf der Cebit - das Land will Europas Programmierer-Paradies werden.

Sie schauten, die Menschen, und staunten - dort, tief unter dem Sand, bewegte sich etwas. "Die Wüste lebt", hieß der Film, in dem Disney die überraschende Fülle der Flora und Fauna der sandigen Weite zeigte. Ein ähnliches Staunen ruft es hervor, betrachtet man die IT-Branche in Russland: In der vom Kommunismus zerschundenen, von Schwerindustrie verdreckten und Atomtests verseuchten Landschaft zeigen sich kleine, unternehmerische Blüten.

Da aber vor allem der Dotcom-Niedergang in den USA auch der Branche in Russland zugesetzt hat, soll jetzt Europa herhalten: Russische Computerfirmen setzen so eifrig wie noch nie zum Sprung auf die Cebit an. Rund 50 Firmen des Landes werden in Hannover vertreten sein, viele davon erstmals.

Daheim, im großen Russland, haben die meisten Firmen der Branche ihren Sitz in den scheintoten Militärstädten. Vor allem weit im Osten finden sich Oasen in der Wirtschaftswüste. Und mit den Amerikanern spielt der ehemalige Gegner auch noch den Gärtner. So will die "Initiative Atomstädte" (NCI) mit Geldspritzen aus Übersee den Programmierern helfen, die früher im Rahmen des Atomprogrammes im sibirischen Schelesnogorsk auf ihre Tastaturen gehackt haben.

Ein weiteres Beispiel: Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung steckte kürzlich 1 Mill. $ in das Startup Advakom. Auch diese junge Firma sitzt in einem ehemals abgeriegelten Atomstädtchen namens Dubna. Hier entwickeln die Mitarbeiter nun Netzwerktechnik. Ein Staatsfonds aus Schweden und private Investoren sind mit weiteren 1,8 Mill. $ dabei. Auch die prominente New Yorker Risikokapitalistin Esther Dyson gehört zu den Fans des Landes.

Ist dies schon die erhoffte Investment-Welle? Wohl nicht. Kapitalmangel sei das grцßte Problem, meint Natalja Kasperskaja, Chefin des führenden russischen Anti-Viren-Programmentwicklers Kaspersky Lab (siehe Kasten). "Wir müssen alle Investitionen aus unseren Gewinnen tätigen - das bremst die Expansion. So können wir uns keine weiteren Verkaufsbüros in anderen Ländern oder Manager aus dem Westen leisten, die das zweite große Problem der russischen IT-Industrie lösen könnten: Management-Mängel."

Ansonsten aber rühmt Kasperskaja den Standort Russland: Niedrigere Kosten und überaus qualifizierte Entwickler seien die Hauptvorteile des "wilden Ostens", sagten die von Netzwert befragten örtlichen IT-Chefs und westliche Risikokapitalisten.

Mit einem Durchschnittsgehalt von 400 bis 700$ für einen Programmierer liegt Russland heute nach einem Bericht vom US-Magazin Forbes gleichauf mit Hauptkonkurrent Indien. Spezialisten erhalten jedoch schon 500 bis 3 000 $ monatlich, weiß das IT-Komitee der US-Handelskammer in Russland. Und die Internet- Kosten - wichtig für den Datentransfer bei Programmierprojekten - sind in Moskau mit 2 000 bis 4 000 $ im Monat bei 1 MB Datentransfer pro Sekunde teurer als in den USA, wo 300 bis 1 000 $ fällig sind.

Dennoch spreche viel für Auftragsvergaben nach Russland. "Das Niveau der Experten ist sehr hoch“, sagt Ken Pocek, Leiter des Entwicklungsbüros, das vor zwei Jahren der Chip-Konzern Intel in Nischnij Nowgorod erцffnete. "Wie gut unsere Jungs sind, sieht man allein daran, wie viele Russen in der Microsoft-Zentrale arbeiten", lobt auch Virenspezialistin Kasperskaja die Profi- Programmierer des Landes. Rund 6 500 sollen es insgesamt sein.

Besonders gut, rühmen sich die Russen, seien sie bei komplizierten Sonderlцsungen. Standardarbeiten seien dagegen wohl besser nach Indien zu vergeben, räumen die russischen Offshore- Programmier selbst ein.

Offshore-Programmieren heißt es, wenn Teile oder auch ganze Programme im Ausland entstehen, dann aber etwa in den USA den letzten Schliff bekommen. Diesen Milliardenmarkt will Russland aufrollen. Eines der Ziele: Die Zukunft nach der Zeit von Öl und Gas. "Rohstoffexporte sind nicht für die Ewigkeit. Wir brauchen weitere Standbeine", sagt Sergej Andrejew, Generaldirektor von Abbyy Software.

"Offshore-Programmierung ist auch ein Mittel, unsere Experten im Land zu halten", ergänzt Anatolij Karatschinskij, Präsident von Information Business Systems (IBS). Sein Unternehmen, eine der führenden Offshore-Firmen in Russland, steht direkt vor dem Bцrsengang (siehe Kasten).

Begonnen hatte der Weg des Landes ins internationale E-Geschäft 1990: Der Server-Spezialist Sun wagte sich als erster ins Land, erцffnete ein Büro im sibirischen Wissenschaftsstädtchen Akademgorodok. Von hier aus arbeiten Programmierer nun für das US-Unternehmen. Andere zogen nach, doch noch ist der Weg in die Weltspitze weit: Machten die Offshore-Programmierer im vorigen Jahr gerade geschätzte 100 Mill. $ Umsatz, so exportierte Indien im Jahr 2000 Programmteile für 6,2 Mrd. $.

Um bekannter zu werden, setzen die russischen Firmen auf die weltgrößte Computermesse – die Cebit. Zum ersten Mal in Hannover wird etwa die Software-Schmiede Auriga sein (siehe Kasten). "Wir wollen auf dem deutschen Markt Fuß fassen", sagt Auriga- Chef Alexej Sucharew. Vorsorglich meldete er seine Firma schon mal als Mitglied im deutschen IT-Verband Bitkom an.

Anzubieten hat die russische Computer-Industrie einiges: Russland hat nach Weltbank-Angaben mit 3 587 Ingenieuren und Wissenschaftlern pro Million Einwohner den nach Japan und den USA dritthöchsten technischen Ausbildungsstand.

Interesse aber weckt das bisher wenig. Die gescholtenen Rohstoffexporte sind die einzigen Geldquellen für das Aufblühen der russischen IT-Branche. Während sich westliche Risikokapitalgeber zwar immer häufiger nach Startups umsehen, fließen die ersten Gelder aus der eigenen Ol-Industrie: Der Pipeline-Riese Transneft engagiert sich bei einer Firma für Übersetzungssoftware. Yukos, zweitgrößter Ölkonzern, beteiligte sich ebenfalls an IT-Firmen und finanziert zudem ein Programm zur Lehrerausbildung in Sachen Internet.

Auch das Runet selbst, wie das Internet in Russland wegen der .ru-Endung genannt wird, boomt mit Zuwachsraten, die an den Dotcom-Hype des Westens erinnern. Allerdings zahlen 40 % der Runet-User nicht für ihren Internet-Zugang. Nur 10 % der Surfer gehen auch im Netz einkaufen, in Westeuropa ist es mehr als jeder zweite. Dabei hat Russland auch beim E-Commerce etwas zu bieten: Die erste Online-Ölbцrse, Neftebid, hat mit ihrem CEO Alexej Kornijenkow russische Wurzeln.

Doch gerade einmal 4 Mill. $ Werbeeinnahmen konnten russische Portale im vorigen Jahr erzielen. Das größte Portal, Yandex.ru, kommt auf 1,8 Mill. Seitenabrufe pro Tag.

Das sind kleine Zahlen in einem großen Land. Aber der Trend ist deutlich: So verkauften sich in Russland im vierten Quartal 607 000 Computer – ein Plus von 25,5 %. Nur 15 % stammen davon aus Importen, heißt es bei der IDC. Zwei führende Marken im Land sind Aquarius und Kwant – beide haben bereits begonnen, auch für westliche Anbieter wie Hewlett-Packard und Fujitsu Siemens zu fertigen.

Auch die Regierung trägt ihr Schärflein bei: Mit ihrem 2,6 Mrd. $ schweren Programm E-Russland sollen bis 2010 alle ländlichen Schulen mit Rechnern ausgestattet werden und 400 Behörden für die Bürger über das Internet erreichbar sein. Vielleicht gelingt es ja, was zumindest in der Sahara unmöglich erscheint: Die Oasen zu vernetzen, auf dass eine solider Wirtschaftszweig daraus wird.


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